100 Jahre Landesmuseum Burgenland: Zurück an den Anfang im Leinner-Haus

Eigentlich hätte man sich den 100. Geburtstag des Landesmuseums Burgenland vermutlich etwas anders vorgestellt. Das Stammhaus in der Eisenstädter Museumgasse wird gerade umgebaut und ist geschlossen. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch – und in diesem Fall führt sie das Museum genau dorthin zurück, wo vor einem Jahrhundert alles begonnen hat: ins Leinner-Haus in der Ruster Straße.

Am 14. September 1926 wurde hier das Burgenländische Landesmuseum eröffnet. 100 Jahre später stehen wieder Vitrinen, Bilder, Fundstücke und allerlei Zeugnisse der Landesgeschichte in den Räumen. Fast könnte man sagen: Das Museum ist für sein Jubiläum einmal im Kreis gegangen.

Seit 3. Oktober 2026 ist im Leinner-Haus die Pop-up-Ausstellung „Das Landesmuseum und seine Sammlungen“ zu sehen. Parallel dazu widmet sich das Österreichische Jüdische Museum in der Unterbergstraße mit „Das Landesmuseum und das Judentum“ einem zweiten, wichtigen Teil der Museumsgeschichte.

Ein Museum auf Zeit

Das Leinner-Haus liegt an der stark befahrenen Ruster Straße, nicht weit von der Fußgängerzone entfernt. Wer das Gebäude nicht kennt, muss ein wenig genauer schauen: Der Eingang springt einem nicht unbedingt sofort ins Auge.

Drinnen wird es dann überraschend vielfältig.

Die Ausstellung versucht nicht, 100 Jahre Museumsgeschichte einfach Jahr für Jahr abzuhaken. Stattdessen holt sie ausgewählte Stücke aus den Sammlungen hervor und zeigt damit, was in einem Landesmuseum eigentlich alles zusammenkommt.

Archäologie trifft auf Naturgeschichte, Volkskunde auf Kunst, Musik auf Alltagsgeschichte. Dazwischen finden sich ausgestopfte Tiere, Bilder, Abzeichen, historische Gegenstände und manche Dinge, bei denen man unwillkürlich etwas länger stehen bleibt.

Es ist ein bisschen wie ein Spaziergang durch den alten Dachboden des Burgenlandes – nur wesentlich besser sortiert.

Vom Höhlenbären bis zum Tanzschuh

Eines der auffälligsten Exponate ist das vollständige Skelett eines Höhlenbären, das 1929 in Winden gefunden wurde. Für Kinder dürfte es vermutlich zu den ersten Stücken gehören, bei denen sie stehen bleiben.

Zu sehen sind außerdem archäologische Fundstücke und sogar ein Mastodon-Stoßzahn.

Unser persönlicher Favorit ist allerdings deutlich kleiner.

Ein Tanzschuh von Fanny Elssler erinnert an eine Frau, die im 19. Jahrhundert zu den international bekannten Tänzerinnen ihrer Zeit gehörte. Zwischen Knochen, historischen Objekten und volkskundlichen Sammlungsstücken wirkt dieser kleine Schuh beinahe unscheinbar – und erzählt doch eine erstaunlich große Geschichte.

Gerade solche Stücke machen den Rundgang interessant.

Nicht alles muss spektakulär sein. Manchmal reicht ein Gegenstand, um plötzlich eine Verbindung zwischen dem Burgenland und einer viel größeren Geschichte herzustellen.

Heimatkunde, ohne dass sie nach Schulbuch aussieht

Wer mit dem Begriff „Landesmuseum“ endlose Texttafeln und etwas trockene Heimatkunde verbindet, dürfte überrascht sein.

Natürlich muss man sich für Geschichte und Kultur ein wenig interessieren. Ein Erlebnispark ist das Leinner-Haus nicht – und will es auch nicht sein.

Aber wer wissen möchte, wie Menschen hier gelebt haben, was gesammelt wurde, welche Spuren frühere Generationen hinterlassen haben und womit sich Forscher über Jahrzehnte beschäftigt haben, findet auf relativ kompaktem Raum erstaunlich viel.

Gerade weil die Ausstellung eine Auswahl zeigt, lässt sie sich angenehm besuchen. Man muss nicht versuchen, ein komplettes Universalmuseum an einem Nachmittag abzuarbeiten.

Sándor Wolf und die Anfänge des Museums

Dass ausgerechnet das Leinner-Haus jetzt wieder zum Museumsstandort wird, hat historische Gründe.

Nach der Entstehung des Burgenlandes als eigenständiges Bundesland stellte sich Anfang der 1920er-Jahre auch die Frage, wie dessen Geschichte, Natur und Kultur gesammelt und dokumentiert werden sollten.

Eine wichtige Rolle spielte der Eisenstädter Weinhändler, Sammler und Mäzen Sándor Wolf. Er stellte dem jungen Landesmuseum das Leinner-Haus zur Verfügung. Hier wurde das Museum 1926 eröffnet.

Diese Geschichte bekommt zum 100-Jahr-Jubiläum zusätzliche Bedeutung.

Denn jüdische Persönlichkeiten wie Wolf, Karl Halaunbrenner, Alphons Barb und Michael Ferdinand Bothar waren wesentlich am Aufbau der Sammlungen und der wissenschaftlichen Arbeit beteiligt.

Die zweite Ausstellung führt ins Jüdische Museum

Deshalb sollte man die Jubiläumsschau eigentlich als Doppelpack verstehen.

Im Österreichischen Jüdischen Museum Eisenstadt beschäftigt sich die Ausstellung „Das Landesmuseum und das Judentum“ mit den jüdischen Persönlichkeiten hinter der frühen Museumsgeschichte.

Dabei geht es nicht nur um Sammeln und Forschen. Auch Verfolgung, Enteignung und Flucht nach 1938 sowie der spätere Umgang mit geraubten Kulturgütern und Restitution werden thematisiert.

Wer genügend Zeit hat, sollte deshalb nicht beim Leinner-Haus aufhören. Beide Ausstellungen erzählen unterschiedliche Teile derselben Geschichte.

Unser Eindruck

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob eine Pop-up-Ausstellung in einem Ausweichquartier der Rahmen ist, den man sich für ein 100-jähriges Museumsjubiläum wünschen würde.

Aber vielleicht passt gerade diese etwas improvisierte Lösung erstaunlich gut.

Das Landesmuseum kehrt für eine gewisse Zeit an seinen Ausgangspunkt zurück. Gleichzeitig werden aus den riesigen Sammlungsbeständen einzelne Stücke herausgeholt, die sonst möglicherweise kaum jemand zu Gesicht bekommen würde.

Das Ergebnis ist keine monumentale Jubiläumsschau, sondern eher eine konzentrierte Reise durch 100 Jahre Sammeln, Bewahren und Forschen.

Wer Heimatgeschichte mag, sich für alte Fundstücke interessiert oder Eisenstadt einmal abseits von Schloss Esterházy und Haydn kennenlernen möchte, ist hier richtig.

Und ja: Den Höhlenbären sollte man gesehen haben.

Wir würden trotzdem zuerst beim Tanzschuh von Fanny Elssler stehen bleiben.

Praktische Informationen

Das Landesmuseum und seine Sammlungen
Leinner-Haus Eisenstadt
Ruster Straße 12–16
7000 Eisenstadt

Ausstellungsdauer:
3. Oktober 2026 bis 26. September 2027

Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Sonntag und Feiertage, 10 bis 17 Uhr

Eintritt:
Regulär 5 Euro

Zweiter Teil der Jubiläumsausstellung

Das Landesmuseum und das Judentum
Österreichisches Jüdisches Museum
Unterbergstraße 6
7000 Eisenstadt

Pannonien-Tipp: Wer beide Ausstellungen besuchen möchte, sollte daraus gleich einen halben Tag in Eisenstadt machen. Dazwischen bleibt genügend Zeit für einen Spaziergang durch die Innenstadt oder eine Kaffeepause.