Sieben Acts, unzählige Hits und ein Publikum zwischen jugendlichem Partyalarm und jahrzehntelanger Schlagerliebe: Bei der „Schlagerparty des Jahres“ trafen auf der Seebühne Mörbisch am 21. Juli 2026 Natalie Holzner, Andy Borg, Vicky Leandros, DJ Ötzi, Vincent Gross, Kerstin Ott und die Nockis aufeinander. Ein Abend mit Charme, Routine, ehrlichen Gefühlen – und einem deutlich spürbaren Generationenwechsel.
Glitzer, Schmäh und sieben ziemlich unterschiedliche Stars
Ein Schlagerabend auf der Seebühne Mörbisch ist ein bisschen wie ein gut gemischter Sommerspritzer: leicht, süffig, manchmal etwas süß – und mit genügend Stimmung, damit selbst jene mitsingen, die angeblich nur wegen ihrer Begleitung gekommen sind.
Ganz ausverkauft wirkte das große Auditorium am Dienstagabend nicht. Vor allem in den hinteren Bereichen waren noch einzelne Plätze frei. Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Als die großen Hits erklangen, wurde aus der Seebühne ohnehin ein gewaltiger Chor.
Natalie Holzner: Viel zu schade nur fürs Aufwärmen

Natalie Holzner eröffnete den Abend – und zeigte gleich, dass eine frühe Startzeit nicht automatisch eine kleine Rolle bedeutet. Im Gegenteil: Mit ihrer Ausstrahlung, ihrem eleganten Auftritt und ihrer natürlichen Präsenz war sie vom ersten Moment an ein Blickfang.
Holzner wirkte nicht wie eine Sängerin, die erst einmal das Publikum auf Betriebstemperatur bringen darf. Sie wirkte wie jemand, der in absehbarer Zeit deutlich später im Programm stehen könnte. Stimme, Erscheinung und Bühnengefühl sind vorhanden. Jetzt fehlen eigentlich nur noch jene großen Lieder, die ein ganzes Publikum bereits nach den ersten Takten erkennt.
Andy Borg: Der Mann, der sogar das Playback zum Lachen bringt

Geschichten und jener Wiener Schmäh, für den ihn das Publikum seit Jahrzehnten liebt.
Auch in Mörbisch nahm er das Playback genüsslich auf die Schippe. Einmal setzte er absichtlich zu spät mit dem Mikrofon ein, dann hielt er es verkehrt herum – als wollte er gleich selbst verraten, wie viel Technik bei einer solchen Schlagershow im Spiel ist. Borg versteckt nichts, sondern macht daraus einen Witz. Und das Publikum lacht mit ihm, nicht über ihn.
Mit Liedern wie „Adios Amor“, „Die berühmten drei Worte“ und „Die Fischer von San Juan“ lieferte er genau jene Klassiker, auf die viele gewartet hatten. Dazwischen erzählte er Geschichten, erinnerte an den Musikantenstadl und spielte geschickt mit seinem Publikum.
Andy Borg war an diesem Abend mehr als nur ein Sänger. Er war Unterhalter, Aufwärmer und Stimmungsmacher in einer Person. Dabei ließ er auch keinen Zweifel daran, woher sein Humor kommt: aus Wien-Floridsdorf.
Seine Späße funktionieren nicht nur in Österreich. Auch die deutschen Gäste auf der Seebühne kannten und liebten ihn gerade wegen dieser selbstironischen Art. Borg steht zu dem, was er ist – und genau das macht ihn so sympathisch.
Vicky Leandros: Plötzlich wurde es stiller

Dann kam jene Dame, bei der schon der Name genügt: Vicky Leandros betrat im goldenen Kleid die Bühne – eine Erscheinung, die an ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest wenige Wochen zuvor in Wien erinnerte. Dort hatte sie das erste Halbfinale mit „L’amour est bleu“ eröffnet.
In Mörbisch war nicht laute Show gefragt, sondern Haltung. Leandros stand auf der Bühne wie jemand, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Ihre Stimme, ihre Gesten und ihre ruhige Art sorgten für einen der emotionalsten Momente des Abends.
Bei „Ich liebe das Leben“ schien die Zeit für einen Augenblick stillzustehen. War da tatsächlich eine kleine Träne, die über ihre Wange lief? Vielleicht war es das Licht. Vielleicht aber auch die Erinnerung an ein langes Künstlerleben. Auf jeden Fall war es einer jener Momente, die sich nicht inszenieren lassen.
Respekt vor dieser Frau. Mehr muss man eigentlich nicht sagen.
DJ Ötzi: Die perfekt geölte Partymaschine

Bei DJ Ötzi änderte sich die Temperatur. Jetzt wurden die Arme gehoben, Handys gezückt und Refrains mitgesungen, bei denen niemand erst überlegen musste.
Spätestens bei „Sweet Caroline“ verwandelte sich die Seebühne in einen riesigen Chor. Ötzi weiß genau, wann er das Publikum ansprechen, klatschen lassen oder zum Mitsingen auffordern muss. Vier Tänzerinnen sorgten zusätzlich für Bewegung und optische Showeffekte.
Das funktioniert. Und zwar zuverlässig.
Manchmal hatte man allerdings das Gefühl, dass hier ein äußerst erprobtes Programm abgespult wird. Jede Bewegung sitzt, jeder Zuruf kommt an der richtigen Stelle. DJ Ötzi arbeitet eine große Bühne ab wie ein Skilehrer die letzte Talabfahrt: routiniert, sicher und mit erhobenen Händen.
Das Publikum wollte genau das – und bekam es.
Vincent Gross: Nach der Pause wurde der Turbo eingeschaltet

Nach der Pause wirkte es, als hätte jemand die Fernbedienung übernommen und von Nostalgie auf Turbo geschaltet. Vincent Gross stürmte über die Bühne, lief von einer Seite zur anderen, sprang über die Absperrung und suchte den direkten Kontakt zum Publikum.
Gross besitzt Energie, Charisma und ein sehr gutes Gefühl für seine jüngeren Fans. Während sich manche Kollegen darauf verlassen können, dass ihre Hits bereits seit Jahrzehnten bekannt sind, muss er sein Publikum noch stärker im Moment gewinnen. Das tut er mit vollem Körpereinsatz – und natürlich mit der Aufforderung, ihm noch in derselben Nacht auf Instagram zu folgen.
Musikalisch darf man geteilter Meinung sein. Wer seine frühere, etwas erzählerischere Seite und Lieder wie „Nordlichter“ mochte, vermisste vielleicht ein wenig davon. Der aktuelle Sound zielt deutlicher auf Party, soziale Medien und ein jüngeres Publikum.
Das ist flott, funktioniert live und klingt stellenweise bereits verdächtig nach dem nächsten Ballermann-Flieger.
Kerstin Ott: Als würde sie am Nebentisch singen

Danach bewies Kerstin Ott, dass man eine große Bühne nicht unbedingt erobern muss. Manchmal genügt es, einfach da zu sein.
Ott besitzt diese seltene Natürlichkeit, die sich nicht lernen lässt. Sie wirkt weder einstudiert noch aufgesetzt. Man könnte sich vorstellen, sie säße im Café am Nebentisch, würde die Gitarre nehmen und einfach zu singen beginnen.
Ihre warme Stimme, ihre ruhige Art und ihre positive Ausstrahlung kamen beim Publikum ausgezeichnet an. Keine Glitzerattacke, keine akrobatischen Einlagen, keine großen Ansagen – und trotzdem hatte sie die Menschen sofort auf ihrer Seite.
Als „Die immer lacht“ erklang, war klar, weshalb Kerstin Ott zu den Lieblingen des Abends gehörte. Diese Frau muss nicht so tun, als wäre sie sympathisch. Sie ist es offenbar einfach.
Die Nockis: Große Gefühle treffen auf eine neue Generation#

Zum Abschluss gehörte die Bühne den Nockis und ihrem Frontmann Gottfried „Friedl“ Würcher. Seit mehr als vier Jahrzehnten steht die Kärntner Formation auf der Bühne. Zu ihren Klassikern zählen „Schwarzer Sand von Santa Cruz“ und „Und über Rhodos küss ich dich“. Bei „Zieh dich an und geh“ waren die langjährigen Fans sofort textsicher. Und auch die neue Single „Eins“ wurde von den Nockis-Anhängern frenetisch gefeiert.
Für viele Besucher sind diese Lieder mit Erinnerungen verbunden: Urlaube, Tanzabende, erste Lieben und vermutlich auch die eine oder andere Trennung, bei der ein Nockis-Lied zufällig genau im richtigen Moment im Radio lief.
Doch an diesem Abend zeigte sich auch, wie sich das Schlagerpublikum verändert. Neben mir saßen junge Frauen um die zwanzig. Vincent Gross und Kerstin Ott wurden fotografiert und erkannt. Bei den Nockis herrschte zunächst Ratlosigkeit. Der Name sagte ihnen wenig, die ersten Lieder noch weniger.
Das ist keine Kritik an der Band, sondern eine Momentaufnahme. Schlagergeschichte wird nicht automatisch an die nächste Generation weitergereicht. Auch sie muss immer wieder neu erzählt werden.
Friedl Würcher gelingt es trotzdem, diese Lieder noch immer glaubwürdig auf die Bühne zu bringen. Seine Stimme, seine Erfahrung und seine ruhige Präsenz halten die Nockis zusammen. Hier wird nichts verzweifelt verjüngt. Die Band steht zu dem, was sie ist.
Wie sympathisch die Musiker auch abseits der Bühne geblieben sind, zeigte sich später im Hotel. Dort traf ich die gesamte Gruppe mit ihren Frauen wieder. Kein abgeschotteter Starbereich, keine Allüren, kein demonstratives Wegschauen. Es wurde freundlich gegrüßt, ganz selbstverständlich und normal.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb die Nockis nach all den Jahren noch immer da sind.
Das Fazit: Ein Abend zwischen Erinnerung und Instagram
Die Schlagerparty in Mörbisch zeigte beinahe das gesamte Spektrum des Genres: Natalie Holzner als Versprechen für die Zukunft, Andy Borg als Meister des Schmähs, Vicky Leandros als Grande Dame, DJ Ötzi als professionelle Partymaschine, Vincent Gross als Vertreter der Instagram-Generation, Kerstin Ott als sympathische Ruheposition und die Nockis als lebendiges Stück Schlagergeschichte.
Nicht jeder Act erreichte jede Altersgruppe gleich stark. Aber gerade das machte den Abend interessant. Auf der Seebühne trafen Erinnerungen auf neue Partyrezepte, jahrzehntealte Hits auf Social-Media-Aufrufe und große Bühnenroutine auf stille Emotionen.
Und irgendwo zwischen „Adios Amor“, „Ich liebe das Leben“ und „Die immer lacht“ zeigte sich: Schlager ist vielleicht nicht immer subtil. Aber langweilig muss er deshalb noch lange nicht sein.


