Miles Davis, Nina Simone, Ray Charles, B.B. King – Hans Wetzelsdorfer hatte in Wiesen einige der größten Musiker der Welt vor der Kamera. Fotografiert wurde damals nicht mit tausend digitalen Bildern pro Abend, sondern auf Film, mit mehreren Kameras, ständig wechselndem Licht und viel Gefühl für den richtigen Moment. Zum 50-jährigen Jubiläum der Wiesen Festivals erinnert sich der Fotograf und Künstler an eine Zeit, in der Weltstars manchmal am nächsten Tag selbst ihre Fotos kauften.
Heute ist Konzertfotografie schnell.
Kamera hoch, Serienbild, zehn oder zwanzig Aufnahmen in wenigen Sekunden. Auf dem Display kontrollieren. Passt nicht? Noch einmal.
Als Hans Wetzelsdorfer in Wiesen zu fotografieren begann, gab es diese Sicherheit nicht.
Der Film war in der Kamera. Das Licht änderte sich ständig. Und ob das Bild wirklich gelungen war, wusste man erst später.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – entstanden Aufnahmen, die heute ein Stück österreichische Festivalgeschichte sind.
Auf Wetzelsdorfers Bildern sind Art Farmer, Don Cherry, Elvin Jones, Carla Bley, Ray Charles, B.B. King, Miles Davis, Nina Simone, Dizzy Gillespie, George Benson, Michel Petrucciani, Celia Cruz und viele andere zu sehen.
Wiesen selbst feiert 2026 sein großes Jubiläum: Seit dem ersten Festival 1976 sind 50 Jahre vergangen. Was mit Jazz begann, entwickelte sich später über Reggae und World Music bis hin zu Rock, Punk, Electronic und Hip-Hop.
Hans Wetzelsdorfer hat einen guten Teil dieser Geschichte durch den Sucher gesehen.
Vom Erdbeerort zur internationalen Festivaladresse
Wiesen war lange vor den Festivals für etwas ganz anderes bekannt: für seine Erdbeeren, die Wiesener Ananas. Doch ab den 1970er-Jahren bekam der Ort ein zweites Gesicht.
Mit dem Jazz Pub und später den Festivals wurde Wiesen weit über das Burgenland und Österreich hinaus bekannt. Plötzlich kamen Musiker und Besucher aus aller Welt in einen Ort, den viele zuvor hauptsächlich mit Erdbeeren verbunden hatten.
Jazz und Festivals machten den Namen Wiesen international bekannt.
Dabei war es nicht nur die Liste großer Künstler, die den besonderen Ruf ausmachte. Es war das gesamte Umfeld: das Jazz Pub, das Festivalgelände, die Nähe zwischen Musikern, Publikum und Veranstaltern – und eine Atmosphäre, die sich deutlich von großen anonymen Konzertarenen unterschied.
Genau in dieser Zeit war Hans Wetzelsdorfer mit seiner Kamera mittendrin.
Eigentlich kam er nicht wegen der Musik
Hans Wetzelsdorfer kam ursprünglich als Gast ins Jazz Pub Wiesen.
Nicht, weil er unbedingt sämtliche Jazzgrößen fotografieren wollte.
Nicht einmal die Musik war zunächst das Entscheidende.
Er war dort.
Aus dem Gast wurde irgendwann der Fotograf.
Und aus einzelnen Aufnahmen wurde über die Jahre ein Archiv, das heute zeigt, wer damals tatsächlich alles nach Wiesen kam.
Die offizielle Wiesen-Seite verwendet Wetzelsdorfers Fotografien bis heute für ihre eigene Jazz-Retrospektive und bedankt sich ausdrücklich bei ihm für die Bilder.
Vor der Bühne gab es den Graben – und dort musste alles stimmen
Sein Arbeitsplatz war häufig dort, wo Konzertfotografen damals standen:
im Graben zwischen Bühne und Publikum.
Von dort aus hatte man zwar die Musiker vor sich.
Einfach war das Fotografieren trotzdem nicht.
Wetzelsdorfer arbeitete mit mehreren Kameragehäusen und unterschiedlichen Objektiven. Wechseln, einstellen, weiterfotografieren.
Und vor allem:
Licht beobachten.
Denn ein Musiker stand im einen Moment direkt im Scheinwerfer.
Sekunden später kam das Licht von der Seite.
Dann war das Gesicht wieder dunkel.
Wetzelsdorfer erinnert sich daran, wie sehr er auf genau diesen Moment achten musste:
Der Musiker bewegt sich.
Das Licht kommt.
Jetzt.
Auslösen.
Und hoffen, dass Licht, Bewegung und Ausdruck zusammenpassen.
400er-Film – auf 1600 ISO gepusht
Technisch war das ebenfalls eine andere Welt.
Wetzelsdorfer arbeitete unter anderem mit 400er-Filmen, belichtete sie bei schwierigen Lichtverhältnissen teilweise wie 1600-ISO-Film und entwickelte sie anschließend entsprechend in der Dunkelkammer.
Das bedeutete nicht nur anders zu fotografieren.
Auch anschließend musste der Film entsprechend entwickelt werden.
Die eigentliche Arbeit war mit dem letzten Song also noch lange nicht erledigt.
Dunkelkammer statt Lightroom.
Kein Regler „Belichtung +0,7“.
Kein Weißabgleich mit einem Klick.
Kein Blick aufs Display nach dem Auslösen.
Und schon gar nicht 2.000 Bilder, aus denen später die besten zehn ausgesucht wurden.
Wetzelsdorfer arbeitete bewusst und weitgehend manuell.
Das macht die alten Aufnahmen heute auch technisch interessant.
Zwei oder drei Kameras – weil zum Objektivwechsel keine Zeit war
Mehrere Kameragehäuse waren kein Luxus.
Sie waren praktisch notwendig.
Auf einem Body eine Optik.
Auf dem nächsten eine andere.
Denn während des Konzerts konnte man nicht gemütlich überlegen, welches Objektiv jetzt vielleicht passen könnte.
Auf der Bühne passierte etwas.
Und entweder man hatte es – oder der Moment war vorbei.
Genau diese Spannung fehlt ein wenig, wenn wir die alte Fotografie heute nur romantisch als „analog“ bezeichnen.
Analog bedeutete auch:
weniger Bilder,
mehr Vorbereitung
und deutlich weniger Möglichkeiten, einen Fehler nachher zu retten.
Miles Davis 1984: Eines seiner Lieblingsbilder
Unter all den Aufnahmen gibt es einige, die Wetzelsdorfer selbst besonders mag.
Dazu gehört Miles Davis.
1984 spielte Davis beim Jazz Summit in Wiesen. Bei diesem Konzert trat auch Chick Corea als Gast auf.
Von diesem Abend besitzt Wetzelsdorfer mehrere bemerkenswerte Aufnahmen.

Hans stand im Fotograben.
Miles Davis auf der Bühne.
Dazwischen: eine Kamera mit Film.
Zu seinen Lieblingsfotos gehört auch unser Titelfoto: Miles Davis und Chick Corea, aufgenommen 1984 in Wiesen.
Manche Künstler waren nahbar – andere blieben auf Distanz
Hans Wetzelsdorfer erinnert sich, dass der Umgang mit den Musikern sehr unterschiedlich war.
Miles Davis gehörte eher zu den abgeschirmten Künstlern. Nach Hans’ Erinnerung trug er auch abseits der Bühne fast immer Mütze und Brille und hielt gegenüber anderen eine gewisse Distanz – fast wie eine kleine Wand zwischen ihm und den Menschen rundherum.
Auch Dollar Brand blieb Hans eher als zurückhaltender und distanzierter Künstler in Erinnerung.

Andere Musiker waren dagegen deutlich zugänglicher. Screamin’ Jay Hawkins etwa blieb Hans als nahbar in Erinnerung. Auch Barbara Thompson, die nicht nur beim Festival auftrat, sondern mehrfach im Jazz Pub Wiesen spielte, suchte eher den direkten Kontakt. Bei solchen Musikern entstand leichter eine persönliche Begegnung – ganz anders als bei jenen Stars, die sich bewusst abschirmten.

Ein weiteres seiner Lieblingsbilder ist die Aufnahme von Dizzy Gillespie mit den typisch aufgeblasenen Backen. Hans hat genau den Moment erwischt, der sofort mit Gillespie verbunden wird – ein Bild, das nicht nur den Musiker zeigt, sondern auch seine ganze Bühnenpräsenz einfängt.
Die ganze Nacht in der Dunkelkammer – am nächsten Tag lagen die Fotos am Stand
Heute erscheint ein Konzertfoto oft wenige Minuten nach dem Auftritt auf dem Smartphone. Damals lag zwischen dem Auslösen und dem fertigen Bild noch eine ganze Nacht Arbeit.
Nach den Konzerten war für Hans Wetzelsdorfer deshalb noch lange nicht Schluss. Die Filme mussten entwickelt und die Bilder in der Dunkelkammer ausgearbeitet werden. Teilweise arbeitete er die ganze Nacht durch. Geschlafen wurde, wenn überhaupt, ein paar Stunden in der Koje.
Während Hans fotografierte, Filme entwickelte und Abzüge machte, übernahm seine Partnerin Petra den Verkauf am Fotostand.
Schon am nächsten Tag lagen dort die frischen Konzertbilder. Und nicht nur die Festivalbesucher interessierten sich dafür.
Manche Künstler blieben mehrere Tage in Wiesen. So kam es vor, dass sie kurz nach ihrem Auftritt ihre eigenen Fotos am Verkaufsstand entdeckten – und einige kauften die Aufnahmen gleich selbst.
Fotos, Jazz-Leiberl und Siebdruck
Bei dem Stand blieb es offenbar nicht nur bei Bildern.
Auch T-Shirts wurden im Siebdruckverfahren hergestellt – Jazz-Leiberl und später unter anderem Shirts rund um andere Wiesen-Festivals.
Bedruckt.
Fixiert.
Verkauft.
Das passt zu einer Festivalzeit, die wesentlich improvisierter und handgemachter wirkte als heutige Großveranstaltungen.
Nicht alles kam fertig aus einer zentralen Merchandise-Produktion.
Manches entstand direkt vor Ort – zwischen Fotostand, Siebdruck und laufendem Festivalbetrieb.
Nicht nur Jazz: Hans fotografierte auch das andere Wiesen
Beim Blick auf das Archiv passiert schnell das Gleiche wie beim Namen Wiesen überhaupt:
Man denkt zuerst an Jazz. Doch Wiesen war längst mehr als das.
Reggae und World Music kamen dazu, später Rock, Punk, Electronic und Hip-Hop. Die offizielle Festivalgeschichte beschreibt genau diese Entwicklung.
Wetzelsdorfer erinnert sich beispielsweise auch an Mory Kanté, an Reggae und an die Sunsplash-Zeit. Auch Ziggy Marley, der Sohn von Bob Marley, trat in Wiesen auf.
Damit erzählt sein Archiv eben nicht ausschließlich die Geschichte eines Jazzfestivals.
Es erzählt, wie aus dem Jazzstandort nach und nach ein Festivalort für ganz unterschiedliche Musikrichtungen wurde.
Nina Simone, Ray Charles, B.B. King: Namen, die heute fast unwirklich wirken
Und dann liegen da die Fotos.
Ray Charles 1983.
B.B. King 1984.
Nina Simone 1988.
George Benson 1989.
Nur einige davon.
Wenn man heute einen Ordner mit diesen Namen öffnet, wirkt das beinahe wie ein „Best of Jazz“.
Damals standen sie tatsächlich in Wiesen auf der Bühne.









Eine hätte Hans noch gerne fotografiert: Amy Winehouse
Bei all den großen Namen, die Hans Wetzelsdorfer in Wiesen fotografiert hat, blieb ein Wunsch unerfüllt: Amy Winehouse.
Die britische Sängerin war 2011 für die Nova Jazz & Blues Night angekündigt. Ihr Auftritt in Wiesen war ursprünglich für den 24. Juli geplant, wurde jedoch bereits Wochen zuvor gemeinsam mit ihrer Sommertour abgesagt. Am 23. Juli 2011, nur einen Tag vor dem ursprünglich geplanten Termin, starb Amy Winehouse im Alter von 27 Jahren.
Für Hans wäre sie noch einmal ein ganz besonderes Motiv gewesen. Nach Miles Davis, Ray Charles, Nina Simone, B.B. King und vielen anderen hätte er auch sie gerne fotografiert.
Dazu kam es nicht mehr. Ein Bild, das in seinem großen Wiesen-Archiv fehlt.
Wiesen heute: Die Kamera bleibt meistens zu Hause
Heute fotografiert Hans Wetzelsdorfer die Festivals in Wiesen nicht mehr. Für ihn ist diese Zeit abgeschlossen – nicht im Sinn von vergessen, sondern als ein Kapitel, das zu einer bestimmten Phase seines Lebens gehört.
Sein künstlerischer Blick ist geblieben, nur das Feld hat sich verändert. Wetzelsdorfer hat sich stärker der freien Kunst gewidmet, arbeitet mit Fotografie, Objekten und Installationen und verfolgt längst andere künstlerische Projekte.
Wiesen schaut er deshalb heute mit etwas Abstand an. Die Erinnerungen sind noch da, die Bilder sowieso. Aber selbst wieder im Fotograben zu stehen, reizt ihn nicht mehr so wie früher.
Vielleicht ist genau das passend: Die großen Wiesen-Jahre hat Hans Wetzelsdorfer festgehalten. Heute arbeitet er an anderen Bildern und anderen Ideen.
Wer mehr Arbeiten von Hans Wetzelsdorfer sehen möchte, findet auf seiner Website weitere Fotografien und künstlerische Projekte: hans wetzelsdorfer photography


