Mimi darf auch ohne Leinwand singen

La Bohème in St. Margarethen – endlich. Es war ja nur eine Frage der Zeit bis diese Weltoper für einen Sommer lang die Atmosphäre des Römersteinbruchs für sich einnimmt, könnte man meinen. Der Intendant der Opernfestspiele Wolfgang Werner nennt Giacomo Puccini’s Meisterwerk in seiner Begrüssungsrede eine intime Oper. Vielleicht sogar zu intim für Europas grösste Naturbühne unter freiem Himmel? Das würde die technischen Neuheiten der diesjährigen Inszenierung erklären oder auch, warum Filmregisseur Robert Dornhelm in St. Margarethen heuer seine erste Oper inszenierte.

Umgekehrt ist es dem international bekannten Filmemacher ja bereits gelungen, als er 2008 “La Bohème” verfilmt hat mit Anna Netrebko in der Rolle der Mimi und Rolando Villazon alias Rodolfo – ein filmisches Denkmal für ein Taumpaar der Opernwelt.

La Bohème spüren lassen

Eine traumhafte Opernwelt gibt es 2013 auch in St. Margarethen zu sehen. Manfred Waba hat mal wieder ein großartiges Bühnenbild geschaffen und die Bühne der Festpielarena in den Schauplatz eines Viertels in Paris um 1850 verwandelt. Dieses Jahr ein wenig mehr zurückhaltend, mit den gewohnt vielen kleinen Details, die einem erst bei näherem Hinsehen auffallen, wie etwa der Rauch, der aus den Kaminen hoch über den Dächern herausqualmt. Auch den Laiendarstellern nimmt man das emsige Geplauder und bunte Treiben in den Strassen des Pariser Künstler- und Studentenviertels “Quartier Latin” ab, zu deren Authenzität natürlich auch die vielen zeitgetreuen Kostüme beitragen, die eigens für diese Produktion geschneidert wurden.

Aber vor allem sind es dieses Jahr die Darsteller, welche das Publikum “La Bohème” im Römersteinbruch spüren lassen. Allen voran eine Mimi, die bei der Premierenvorstellung von der nicht nur wunderbar einfühlsamen, sondern auch stimmgewaltigen Sopranistin Marianne Fiset gegeben wird, deren Stimme wahrlich ans Herz geht. Gleiches gilt für ihren Bühnenpartner Rodolfo, gespielt von Merúnas Vitulskis, der sie wunderbar ergänzt. Das zweite Protagonistenpaar, die impulsive Musetta, die ebenso verkörpert wird von Siphiwe McKenzie und ein grandioser Josef Wagner alias Marcello. Egal ob solo, im Duett oder gar zu viert – allesamt ein Hörgenuss.

Opernfestspiele oder Sommerkino?

Fraglich ist nur, ob man sich dieses Jahr auch wirklich voll und ganz auf die berührende Musik und die damit verbundenen großen Emotionen in St. Margarethen konzentrieren kann. Die Anfangs erwähnten technischen Neuerungen, die, wie kann es auch anders sein, aus Robert Dornhelms Filmtrickkiste entsprungen sind, können da schon zu leichten Ablenkungen führen und man kommt sich durch riesige Projektionen, welche die Protagonisten in Nahaufnahme zeigen, zeitweise vor, als sitze man eher in einem Sommerkino. Vor allem im zweiten Teil nehmen die Großprojektionen, die man auch vom Fußballstadion oder Rockfestival kennt, überhand. Und die letzten Reihen sind bisher in St. Margarethen auch ohne “Kinoleinwand” ausgekommen. Auch wenn man es gut gemeint hat, in dem man die Mimik der Darsteller groß in Szene setzen wollte, der Operncharakter geht dadurch ein wenig verloren. Vor allem dann, wenn die Akteure statisch auf ihrem Kreuzerl stehen, damit sie nur ja gut von den, vor der Bühne platzierten Kameras, eingefangen werden können.

In der Oper sind immer große Gefühle im Spiel, doch in La Bohème noch viel mehr. Dieses Bühnenwerk erzielte einst Welterfolg, weil es das Publikum eintauchen lässt in die Welt von gewöhnlichen Menschen, von Bohèmiens, und teilhaben lässt an ihrer Liebe und an ihrem Leid. Dies kann absolut gelingen dieses Jahr in St. Margarethen, denn es sind alle Voraussetzungen dafür vorhanden – wenn man mal absieht vom filmtechnischen Schnickschnack.

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Suse Schiller

Ich fand das mit den Großprojektionen nicht so störend. Im Gegenteil, hab’ nämlich kein Opernglas und bin recht weit hinten gesessen. Allerdings finde ich, daß sie sich in St. Margarethen, egal ob in der Mitte oder als Finale, das Feuerwerk gänzlich sparen könnten!