Nestroy? Ja, aber in Kobersdorf

Zerissene„Mir ist so unendlich fad!“ Mit diesem ihm schier unerträglichen Gemütszustand hat zwar der „arme“ Herr von Lips in Nestroy’s „Der Zerrissene“ auf der Kobersdorfer Schlossbühne diesen Sommer zu kämpfen, doch sein Publikum sieht dies mit Sicherheit anders. Von Langeweile keine Spur, denn die Zuschauer werden bestens unterhalten.

Besonders im zweiten Teil legt das Ensemble noch eine ordentliche Scheibe Komik drauf und die für Kobersdorfer Bretter mittlerweile schon berühmt berüchtigten Verwirrspielchen nehmen ihren Lauf. Das Geschehen erstreckt sich auf zwei Ebenen und teils auch auf die Arkaden, was das recht spartanisch gehaltene Bühnenbild (ebenfalls üblich für die Schloss-Spiele) auflockert.  Der Nestroy’sche Sprachwitz kommt bei dieser Inszenierung nicht zu kurz. Und die in regelmäßigen Abständen eingestreuten Lebensweisheiten, kommen einem nur all‘ zu bekannt vor. Vor allem weil die Darsteller Satire und Komik gemäß Nestroy-Stil gekonnt dem Publikum nahe bringen:

Fritz Hammel, der zuletzt bei „Der eingebildete Kranke“ (2011) in Kobersdorf zu sehen war, mimt den Kapitalisten Herr von Lips, für den das Leben jeglichen Reiz verloren hat, denn er hat schon alles gehabt und sich all‘ seine Wünsche erfüllt. Das einzige was er noch merkt ist, daß er vor Langeweile fast umkommt und daß ihm irgend etwas fehlt, er fühlt sich zerrissen „…es is‘ wie ein Riss.“ Seine Freunde, die kräftig an seinem Lebensstil mitnaschen, setzen ihm dann den Floh‘ ins Ohr, sich zu verheiraten – das einzige was ihm in seiner Lebenssammlung noch fehlt…  Obwohl es scheint, als hätte er manches Mal ein wenig mit dem vielen und komplexen Text zu kämpfen, vermittelt Fritz Hammel gewieft Wort-und Sprachwitz . Vor allem aber überzeugt er als blasierter Charakter.

Wolfgang Böck in der Rolle des impulsiven Gluthammer, dem seine angehende Angetraute abhanden gekommen ist und der manchmal durch die Not seines Umstandes auch ein wenig manisch-depressiv rüberkommt: gerade noch weinerlich und bemitleidenswert und dann plötzlich kurz vorm Ausrasten. Das Gefühlschaos in persona à la Böck – wieder einmal herrlich komisch anzusehen.

Besonders schöne Szenen sind jene mit den vermeintlichen Freunden (Stifler, Sporner und Wixer), die sich vor allem durch ihre Falschheit und Charakterlosigkeit – stets bereit für Geld alles zu tun – auszeichen, sowie das Duett Wolfgang Böck und Wolf Bachofner in der Rolle als Krautkopf. Ihn kennt man aus Theater, Film und Fernsehen (Tatort, Kommissar Rex, etc.) und war zuletzt 2012 in „Was ihr wollt“ in Kobersdorf zu sehen.

Immer wieder verblüffend, wie nahe am Zeitgeist Nestroy’s Werke doch nach wie vor sind. Die Menschen werden anscheinend nicht klüger. Geld verdirbt nicht nur den Charakter, es macht auch nicht glücklich. Und spätestens wenn man einmal auf einer Bühne wie in Kobersdorf einen Zerrissenen gesehen hat, dann weiß man, daß einem das ganze Geld nichts nützt, wenn einem der aufrichtige Mensch an der Seite fehlt.

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