Fünf Audioguide-Charaktere führen durch den Alltag der 1950er- und 1960er-Jahre in Eisenstadt.
Die Stadtvilla Eisenstadt ist eines dieser Häuser, die leise wirken und dann überraschend viel erzählen. Gebaut um 1950, geplant von einem Architekten, bewohnt von einem Arzt – und heute ein Museum, das nicht belehrt, sondern Geschichten flüstert. Wer hier eintritt, landet mitten in den 1950er- und 1960er-Jahren. Und zwar nicht hinter Glas, sondern direkt im Alltag.
Die Stadtvilla Eisenstadt öffnete im Jubiläumsjahr „100 Jahre Landeshauptstadt“ ihre Türen für alle, die neugierig auf die Geschichte der Stadt sind. Anders als klassische Ausstellungen mit leeren Vitrinen führt dich hier ein kleines Gerät am Ohr durch die Räume: der Audioguide. An der Kassa wählst du eine Stimme aus – zwischen fünf verschiedenen Charakteren, die dich auf ganz eigene Weise durch das Haus begleiten.
Zur Auswahl stehen:
der Hausherr (der Arzt), eine Wirtin, ein Reporter, die Haushälterin Mitzi – oder Haushund Dolly, der heimliche Star der Ausstellung. Uns wurde gesagt: Kinder lieben Dolly, und ehrlich gesagt – ich auch. Mit Hund am Ohr fühlt sich Geschichte plötzlich erstaunlich nah an.
Wichtig zu wissen: Man entscheidet sich für einen Charakter – und bleibt bei ihm. Durchgehen und „alle hören“ ist nicht vorgesehen. Das macht den Besuch persönlicher, aber auch spannender. Jede Stimme erzählt ihre eigene Version der Stadtvilla.
Im Foyer hängen Bilder von Eisenstädter Persönlichkeiten, Gesichter der sogenannten „Kleinsten Großstadt der Welt“, dazu das Konterfei der Hollywood-Schauspielerin Maria Perschy – ein Augenzwinkern in die Vergangenheit, lange bevor unser Handy Bilder knipste. (Ihre letzte Ruhe findet sie übrigens am Kleinhöfleiner Friedhof).
Dann geht’s in die Diele, wo ein altes Wählscheibentelefon an der Wand hängt – ein Relikt, das heute fast schon magiegleich wirkt. Kinder staunen, Erwachsene schmunzeln – und alle fragen sich kurz, wie man mit so einem Gerät eigentlich telefonieren konnte. Wählen, warten, hoffen, dass niemand mithört. Unvorstellbar heute.
Weiter im Haus liegen Küche, Wohnzimmer und Salon. Überall sind Möbel. Rundherum: Alltagsdinge aus den 50ern. Seifen, Waschmittel, Radio mit Drehknöpfen, der gute alte Schwarz-Weiß-Fernseher. Irgendwo zwischen Nostalgie und „Zurück in die Zukunft“. Ja, wir lieben es.
Die Räume sind überschaubar, fast intim. Genau das ist ihre Stärke. Man verliert sich nicht – man entdeckt Details. Die Küche erzählt vom täglichen Leben, vom Kochen, vom Haushalten. Das Wohnzimmer vom Zusammensitzen. Der Salon von Gesprächen, Besuch, ein bisschen Weltläufigkeit.
Erstaunlich finde ich, wie sich das Museum selbst als Erlebnisraum versteht. Die Räume der ehemaligen Arztpraxis sind intakt geblieben – mit Ordination und Instrumenten, als hätten die Menschen das Haus nur kurz verlassen. Dazwischen hört man die Stimme des gewählten Guides, mal sachlich, mal spitz, aber immer lebendig.
Besonders charmant: das Kinderzimmer. Hier geht es um Schule, Freizeit, Sammelleidenschaft – und ums Kino. Schulhefte, Zeichnungen, kleine Kunstwerke aus einer Zeit, in der Bücher Mangelware waren. Mein persönlicher Favorit: das Elektrokontakt-Spiel. Diese bunten Bildblätter, die Steckverbindungen – das ist mehr als Nostalgie. Das ist Erinnerung zum Anfassen.
Draußen im historischen Garten liegt dieser besondere Moment, den man nicht planen kann. Zwischen Beeten und Mauern bleibt man kurz stehen – und merkt, dass hier mehr als nur ein Außenbereich wartet. Die Überreste der alten Stadtmauer, rund 700 Jahre Geschichte, ziehen sich wie eine stille Kulisse entlang der Villa. Sie geben dem Ort Tiefe, ohne laut zu sein. Gleich daneben steht das Salettl – ein kleines, eigenständiges Gebäude, das heute für Lesungen, Workshops oder Schulprogramme genutzt wird. Und ja, man kann es auch mieten: für Hochzeiten, Feiern oder Kindergeburtstage. Geschichte darf hier ruhig weiterleben.
Am Ende des Rundgangs passiert dann etwas Unerwartetes. Man steht vor einem großen Fenster – und blickt hinaus in die Pfarrgasse der 1950er-Jahre. Alte Autos mit schwarzen Kennzeichen parken vor der Villa, scheinbar festgefroren in der Zeit. In diesem Moment denkt man unweigerlich: Jetzt fehlt eigentlich nur noch Marty McFly, der ums Eck biegt. Ein kurzer Schmunzler – und schon ist man wieder mittendrin.
Genau das macht die Stadtvilla Eisenstadt aus. Sie ist keine trockene Lehrstunde, kein Museum mit erhobenem Zeigefinger. Für Schüler:innen, Tourist:innen und Einheimische ist sie ein Erlebnisraum. In etwa einer Stunde schlängelt man sich durch enge Flure, hört persönliche, manchmal polternde Geschichten, bleibt bei kleinen Details hängen – und geht hinaus mit dem Gefühl, Eisenstadt ein Stück näher gekommen zu sein. Nicht aus Büchern. Sondern aus dem echten Leben.
Tipp: Eintritt ist moderat, und wenn du dich einmal durch unterschiedliche Erzählperspektiven hören willst, überlege dir vorher gut, welchen Guide du wählst – jede Stimme schreibt ihre eigene Version der Geschichte.
Kurz gesagt: Die Stadtvilla Eisenstadt ist kein Museum von gestern – sie ist ein Gespräch mit der Zeit, das man so schnell nicht vergisst.
Infokasten Stadtvilla Eisenstadt
Adresse
Pfarrgasse 20, 7000 Eisenstadt
Öffnungszeiten
1. März bis Ende November
Mittwoch – Freitag von 9 – 17 Uhr; Samstag, Sonntag und Feiertag 10 – 17 Uhr
Ausstellung
Interaktive Zeitreise durch die 1950er- und 1960er-Jahre mit Audioguide
(5 wählbare Charaktere, Audioguide im Eintritt inkludiert)
Dauer
ca. 60 Minuten
Eintritt
Erwachsene: 8 Euro
Kinder & Schüler: ermäßigt
Gruppen & Schulklassen: auf Anfrage
Besucheranzahl
Max. ca. 15 Personen gleichzeitig
Salettl & Garten
Das Salettl im Garten kann für Lesungen, Workshops, Hochzeiten, Feiern oder Kindergeburtstage gemietet werden.
Kontakt & Infos
www.stadtvilla.online















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