Nackt bis auf den Beton

Hässlich oder fantastisch? Eine Architekturperiode zum Vergessen, oder eine Hinterlassenschaft, die es Wert ist bewahrt zu werden? Der Brutalismus, vom französischen béton brut abgeleitet, heißt wörtlich roher Beton bzw. Sichtbeton. Gemeint ist ein Architekturstil der Moderne, der seine Blütezeit in den Jahren zwischen 1953 und 1967 hatte. Es gibt nur wenige Gebäudestile, die so eine Bedeutung auf eine bestimmte Region ausgeübt haben, oder die so viel Kontroverse verursachten, wie der Brutalismus im früheren Ostblock. Letzten Endes war es die Architektur, die gleichzusetzen war mit der Auslöschung des Jüdischen Viertels in Bratislava oder der Schließung der historischen Künstlercafes von Budapest. Osteuropa’s fotogene, barocke und neoklassizistisches Pracht wurde überschattet in läppischen 45 Jahren von einem Regime, das Beton-Funktionalismus gebrauchte als eines seiner effektivsten Absichtserklärungen.

Aber während graue Plattenbau-Hochhaus-Wohnungen (panel lakás) das meist exportierte Image von der Welt hinter dem Eisernen Vorhang verkörperten, sind die brutalistischen Gebäude und Denkmäler hier weit weg von der allgemein verbreiteten Meinung ihrer Unansehnlichkeit. Ihre auffälligen“Nichtvondieserwelt“-Designs sind zunehmend Gründe diese Plätze zu bereisen.

Slowakische Kuriositäten aus der Sowjetzeit

Bratislava, mit dem Westen praktisch gegenüber der Donau, war so etwas wie ein Aushängeschild für das seltsame Sowjet-Aera Design. Nimmt man zum Beispiel das Kriegsdenkmal auf dem Slavin Hill. Dieser Hügel liegt ca. 2 km nordwestlich der Altstadt und ist garniert mit einem ca. 39 m hohen Obelisken, auf dessen Spitze ein Soldat mit der Siegesfahne steht. Das sog. Slavin Monument soll an die Befreiung der Slowakei von sowjetischen Truppen im Jahr 1945 erinnern. Der Aufstieg auf den Slavin Hill ist zwar recht steil, aber es lohnt sich, denn auf dem Weg hinauf durchquert man nicht nur eine interessante, vornehme Wohngegend mit vielen Botschaften, oben angekommen werden einem phantastische Aussichten auf Bratislava offenbart. Wenn man Richtung Osten blickt, sieht man ein riesiges Gebäude, das einer Pyramide ähnelt, die auf dem Kopf steht. Hierbei handelt es sich um die Slowakische Radiostation. Auffällig ist auch ein Gebilde, das aussieht wie eine riesige fliegende Untertasse, die über der Donau hängt. Dieses UFO, welches wirklich so heißt, ist eine raumschiffähnliche Konstruktion über der Novy Most (Neue Brücke). Das Bauwerk stammt aus dem Jahre 1972 und ist zu einer Art Wahrzeichen Bratislavas geworden. Im 80 m hohen UFO befindet sich ein Restaurant der gehobenen Preisklasse. Und im Stadtteil Petržalka ist Osteuropa’s grösste kommunistische Wohnsiedlung untergebracht.

Ungarn’s kommunistischer Statuen Park

Keine Ausflugtour zu Béton-Brut-Standorten wäre vollständig ohne dem sog. Memento Park in Budapest einen Besuch abzustatten. Hier versammeln sich mehr als 40 Statuen; Ungarns überlebensgroße Markenzeichen aus der Zeit des Sozialismus. Allein Stalin’s riesige Stiefel, die auf einem Sockel stehen, vermitteln einen Eindruck darüber, wie grotesk proportioniert seine 25 m grosse Statue gewesen sein muss, bevor sie 1956 bei der Ungarischen Revolution gestürzt wurde. Noch skurriler ist das Mahnmal der Räterepublik: ein scheinbar laufender Riese in Gestalt eines Arbeiters, mit patriotisch wehender Fahne und drohend geballter Faust gegen angehende Staatsfeinde. So beinahe schon lustig wirkend überdimensioniert diese Statuen auch sein mögen, so vermitteln sie einem noch immer wie ehrfurchtgebietend sie in ihrer Glanzzeit gewirkt haben müssen.

Brutalismus in Bulgarien und Rumänien

Busludscha-Denkmal

Bulgarien hingegen hat nicht dem West-Trend nachgeeifert, seine brutalistische Vergangenheit zu bewahren. Viele dieser Bauwerke wurden entstellt. Dabei würden sie fesselnde architektonische
Einsichten in diese Periode liefern. Das Haus der kommunistischen Partei ist das grösste brutalistische Denkmal in Bulgarien. Das sog. Busludscha-Denkmal befindet sich auf dem Gipfel
Chadschi Dimitar, ein Berg im Balkangebirge. Es gibt heutzutage ein effektvolles, wenn auch trostloses und entweihtes Bild ab. Doch als es erbaut wurde (ein Prozess, der ganze sieben Jahre gedauert und wofür 6000 Arbeiter benötigt wurden), prahlte es mit zwei verschwenderischen 12 m großen, rubinroten Glassternen auf der Spitze seines 70 m hohen Pylons, die sogar jene auf dem Kreml übertrumpften; ein Eingang aus Marmor mit Inschriften patriotischer Verse und Fresken mit Abbildungen grosser Kommunisten wie Marx, Engels und dem bulgarischen Führer Todor Zhivkov. Osteuropas vielleicht am wenigsten ernst gemeinter Bau aus der kommunistischen Aera ist auf Rumäniens Vidraru Talsperre (rumänisch: Barajul Vidraru), wo eine 10 m Statue von Prometheus (der Mann, der das Feuer der Götter stahl) an eine der grössten Wasserkraftprojekte des Ostblocks erinnert.

Check-in in den Sowjet-Style

Wer mehr praktische Erfahrungen mit kommunistischer Handwerkskunst machen möchte, dem empfielt sich eine Übernachtung in derselbigen. Hut ab vor Kiev’s Salute Hotel für seinen gelungenen Brückenschlag zwischen einem Sowjet-Aera Hotel und stylisch modernem Komfort. Das 1984 erbaute Hotel ähnelt einem Flughafenkontrollturm, doch im seinem Inneren sind die 90 Zimmer geschmackvoll eingerichtet; von ihren Balkons hat man die tollsten Ausblicke über die Stadt.

Quelle: Lonely Planet
Fotocredit: henrikdenouden

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